Texte und Gedichte

Die Pfarrerin Dorothee Dieterich führte uns durch die Abschiedsfeier als umsichtige „Zeremonienmeisterin“ .
Sie stellte ein Gedicht in den Zusammenhang mit Lottis Asche, die wir an verschiedene Orte und Menschen verteilen – ganz so, wie Lotti sich im Leben verschenkt hat.
„Meine verehrte Lehrerin Dorothee Sölle übersetzte, drei Tage vor ihrem plötzlichen Tod, das folgende Gedicht aus der Tradition der American Natives:

Steh nicht an meinem Grab und weine
Ich bin nicht dort, ich schlafe nicht.

Ich bin der tanzende Wind im Blau
Der Diamantenglanz im Schnee
Ich bin das Sommerlicht auf reifem Korn
Ich bin ein sanfter Herbstregen.

Wenn du aufwachst im Morgenlicht,
bin ich der zart sich hebende Kreis
von ruhigen Vögeln in kreisendem Flug.
Ich bin die sanften Sterne, die nachts schauen.

Steh nicht an meinem Grab und weine
Ich bin nicht dort,
ich bin nicht gestorben.

Als Sendung – in der reformierten Tradition einer Feier werden wir damit aus dem geschützten Rahmen des Rituals wieder hinaus in das Leben geschickt – las Dorothee ein Gedicht von Rose Ausländer (1901-1988):

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Franca Schaad las folgenden Brief an ihre Freundin Lotti:

Liebe

Ich denke an dich.

Du stehst in der Küche in der Zähringerstrasse, es läuft Wild Child und du singst mit.
Deine Haare tropfen, deine farbig gestreifte Badehose hängt auf dem Balkon, eben bist du noch in den Fluss gesprungen, dann steht in 10 Minuten ein Zmittag auf dem Tisch. Bunter Salat mit Dahlien, warmen Pfirsichen, geröstetem Sesam – schnell und exquisit ist deine Spezialität. Auf eurem Balkon wachsen Tomaten, Kräuter, Blumen, wachen Götter und kleine Madonnen über Euch und die Vorbeikommenden. Jeder Zentimeter eurer Wohnung ist beseelt, erzählt von Faszinationen und Humor, von Sinn für Kunst, vom letzten rauschenden Fest.

Gespräche mit dir sind gemeinsames Phantasieren, Entwirren, Entwerfen. Du webst ein warmes Band, das innert kürzester Zeit aus Fremden Freund:innen macht. Du siehst und horchst hin, spürst etwas funkeln in den Menschen, legst es frei.

Du kannst über Zäune klettern, ohne meine Hand loszulassen. Die Nähe die du wagst ist radikal.

Du stehst nachdenklich auf meinem Balkon in Berlin.
Sind wir wirklich richtig hier? Wo werden wir gebraucht? Was können wir tun?
Du willst dich nicht zufriedengeben. Es muss um etwas gehen. Du hast gute und grosse Fragen und willst alle stellen. Dich ihnen stellen. Einen Platz finden auch. Du scheinst auf der Suche, und doch ist das mit dir sein ein Ankommen. Du bist eine grosse Zauberin des im-Moment-sein. Mit dir sein ist wunderlich und wundervoll, die Wunder sind da weil du sie siehst.

Du bist manchmal in Aufruhr ob der Zerstörung, die wir auf dem Planeten anrichten, so wie jeder denkende und fühlende Mensch. Du willst verzweifeln ob der Widersprüche in denen wir leben. Die in uns leben.
Du bist ehrlich und aufrichtig – und so willst du auch durchs Leben ziehen, stampfen, tanzen. Aufrecht, mit luftigen Gedanken und mit den Füssen in der Erde.

Du bist All-In. Du berührst und gehst in die Tiefe. Mal beneide ich dich um dein Draufgängertum, mal finde ich dich naiv, mal habe ich Angst um dich. Aber vor allem ist es schön, mit dir zu sein. Du hast keine Angst. Nicht vor dem Leben und nicht vor dem Tod.
Du nimmst deine Zeit und deine Lieben in die Hände, du packst an und umarmst.

Du bist manchmal in Zweifeln, aber immer voller Hingabe und Liebe. Du kannst jauchzen bis zum nächsten Schneeberg. Und geniessen. Du springst in jeden Fluss.

Dein leuchtend gelber Kurkumaporridge ist meine Rettung in einem kalten Winter. Mein eigenes Zuhause ist mehr Zuhause wenn du da bist. Du erkennst was gebraucht wird, und bist kurz darauf was gefehlt hat. Du kannst heilen und wachsen lassen, du kannst den Raum in dein Licht tauchen.

Dieses Licht wird bleiben, und in der Luft hängt dein schallend-ansteckendes Gelächter, das uns allen, dir selbst, dem Absurden, dem Schönen, dem Hässlichen, dem Wachsenden, dem Vergehenden gilt.

Marie Jeger las diesen Brief an ihre Freundin Lotti:

Lotti Liebe

Ich sehe dich in deinem pastellfarbenen Nachthemd,
deine starken Füsse schauen aus der weich geblümten Bettwäsche hervor –
schon als wir uns kennenlernten, mit fünfzehn. Bald darauf nahm uns eine gemeinsame Freundin mit in die Ferien nach Griechenland. Vier junge Teenies allein in der Ferne.
Feigen gepflückt und Fische gekocht, den Anderen Sorgen gemacht, weil wir nachts nicht nach Hause kamen. Nächte durchgetanzt bis mich dein Arm der Morgensonne entgegen zog. Am Strand bist du so hoch gesprungen, dass deine Füsse über die rotaufgehende Sonne trafen.

Du konntest so schnell nah sein. In unseren gemeinsamen Wohnungen hast du Türen aufgerissen, Kaffee ans Bett – oder Blumen – hingestellt, Briefe hinterlassen vor jeder Aufregung des Alltags,
überall, Dich hergebracht.

An trüben Tagen hast du Zimt in die Bolognese gemischt, Nüsse angeröstet, frische Leber gekocht, wenn die Mens lief. Du wusstest zu sorgen und das Innere zu wärmen. Nicht nur Türen reisst du auf, auch deine Kleider reisst Du vom Leib wenn du vor dem Wasser stehst. In jedes Wasser springst du hinein, ziehst uns alle mit, mit deinem freien Körper. Du lädst Freunde ein, mit an deine gefundenen Orte, zu deiner grosszügigen Familie oder in dein Nachtleben wo du die Bar schmeisst und gleichzeitig die Tanzfläche verzauberst, wie ein Paradiesvogel.

Von eleganten Kleidern umhüllt bist du durch viele Städte gewandert. In den letzten Jahren haben sie sich mit Hühnerfederschmuck und dreckigen Jeans ersetzt. Verlorene Fragen aus dem Stadtleben haben sich durch deinen Kontakt mit der Natur in Luft aufgelöst. Deine Hände sind in die Erde getaucht, deine Nase den duftenden Kräuterpflanzen gefolgt.

Beim Wandern haben wir ‚schönste Abeschtärn’ in den Nachthimmel geschrien, so laut wir nur konnten. Du hast Welten durchquert und dich tausendfach verändert, nur deine Bettwäsche ist immer die gleiche geblieben: die weiche, geblümte wie damals.